Wenn das Ergebnis keine Rolle spielt
Kannst du dich noch daran erinnern, wie es sich als Kind angefühlt hat, sich völlig in einer
Sache zu verlieren?
Vielleicht hast du im Sandkasten stundenlang an einer Burg gebaut, aus Stöcken und Blättern
kleine Hütten im Garten errichtet oder mit Straßenmalkreide ganze Welten auf den Gehweg
gezeichnet.
Vielleicht hast du Blumen gepflückt, daraus kleine Sträuße gebunden oder hast dir einen Spaß
daraus gemacht, die Wolken zu beobachten und Figuren darin zu entdecken.
Als Kinder fragten wir uns nicht, ob etwas gut geworden ist. Wir verglichen nicht. Wir
bewerteten nicht. Wir machten einfach. Das Wort Leistungsdruck gab es nicht, denn das
Ergebnis war uns völlig egal.
Irgendwann änderte sich das
In der Schule lernen wir mehr und mehr, wie sehr Anerkennung von Leistung abhängt. Später
kommen berufliche und familiäre Verpflichtungen hinzu. Wir planen, organisieren,
optimieren und funktionieren. Unser Leben wird immer voller, weil wir jede freie Minute
möglichst produktiv nutzen wollen.
Und gleichzeitig verschwindet etwas, das früher ganz selbstverständlich war: die Fähigkeit,
vollkommen in einer Tätigkeit aufzugehen, ohne dabei ein bestimmtes Ziel erreichen zu
müssen.
Ich denke, dass das der Grund dafür ist, warum Kreativität zu etwas geworden ist, das man
sich nur noch als Luxus gönnt, wenn irgendwann einmal Zeit dafür ist.
Vielleicht bist du sogar schon einen Schritt weiter und hast bereits alles für dein neues Projekt
besorgt. Eigentlich brauchst du nur anzufangen. Alles, was dir fehlt, ist die Erlaubnis, deine
Zeit nicht produktiv nutzen zu müssen. Du sagst dir vielleicht: „Das mache ich im Urlaub …“,
„Das mache ich, wenn …“
Ich glaube allerdings, dass wir kreative Auszeiten gerade dann brauchen, wenn wir glauben,
keine Zeit zu haben – nämlich als heilsamen Gegenpol zu unserem (meist) selbstauferlegten
Leistungsdenken.
Der Moment, in dem der Geist entspannt
Wenn ich anfange zu malen, merke ich immer wieder, dass sich etwas in mir verändert. Am
Anfang kreisen die Gedanken noch um alles, was gerade erledigt werden muss. Was heute
noch ansteht. Was ich nicht vergessen darf. Doch schon nach ein paar Minuten beginnt sich
mein Gedankenkarussell zu beruhigen. Es fühlt sich an, als würde man in eine andere Welt
hinübergleiten.
Plötzlich bin da nur noch ich, die Farben und die Leinwand vor mir. Alles andere rückt
langsam in den Hintergrund.
Besonders an meinen Abenden im Atelier passiert mir das immer wieder. Ich male und
vergesse völlig die Zeit. Erst wenn meine Augen schwer werden oder mir der Pinsel vor
Müdigkeit aus der Hand fällt, blicke ich auf die Uhr und bin oft selbst erstaunt, wie spät es
geworden ist. In diesen Stunden empfinde ich eine tiefe Zufriedenheit.
Vielleicht hast du das bei dir auch schon mal beobachtet – ganz unabhängig davon, ob du
malst, bastelst, gärtnerst oder auf eine andere Weise kreativ bist.
Den Prozess genießen
Als Erwachsene richten wir unseren Blick meist auf ein bestimmtes Ergebnis. Das hat man
uns schließlich so beigebracht. Wir möchten etwas möglichst gut machen. Möglichst effizient.
Möglichst perfekt. Beim Malen funktioniert das nur bedingt.
Es gibt Bilder, die gelingen sofort. Andere entwickeln plötzlich ein Eigenleben und werden
ganz anders als geplant. Manche überraschen einen erst nach vielen Stunden. Genau das mag
ich daran. Ein Kunstwerk lässt sich nicht erzwingen. Es braucht Geduld. Ausprobieren.
Manchmal auch den Mut, von vorne zu beginnen.
Kreative Ausdrucksformen und der damit verbundene Fokus erlauben es uns, völlig im
Prozess aufzugehen, alles andere zu vergessen und den Kopf zur Ruhe zu bringen. Genau
deshalb tut uns gestalterisches Schaffen auch so gut.
Sich selbst wieder Raum geben
Kreativität bringt uns zurück in den Moment. Sie lädt uns ein, neugierig zu bleiben. Sie
erinnert uns daran, dass nicht jede Minute produktiv sein muss, um wertvoll zu sein.
Und manchmal genügt schon eine kleine Auszeit mit Pinsel und Farbe, um das Gefühl zu
haben, wieder ein kleines Stück näher bei sich selbst anzukommen. Wie ein Kurzurlaub für
die Seele.
Auch wenn am Ende kein perfektes Ergebnis steht, so bringt es doch eine tiefe Befriedigung,
etwas mit eigenen Händen erschaffen zu haben.
Kreativität neu denken
Kreativ sein zu dürfen sollte kein Luxus sein. Denn Kreativität ist eine Einladung, unsere
kindliche Leichtigkeit wieder zu entfalten. Und ich bin überzeugt, dass sie in jedem von uns
schlummert.
Höchste Zeit, dass du sie aufweckst!
Herzliche Grüße, Lucia Bemmerl
Über die Autorin
Lucia Bemmerl ist freischaffende Künstlerin aus Straubing. In ihrem Atelier entstehen individuelle Tierportraits und Naturgemälde. In ihren Malkursen möchte sie die Freude am kreativen Schaffen weitergeben und zeigen, dass es beim Malen nicht um Perfektion geht, sondern darum, sich wieder Zeit für Kreativität zu nehmen. Mehr über ihre Arbeit erfährst du unter www.luciabemmerl.de.
