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Warum viele Frauen zu viel Verantwortung tragen – und zu wenig davon gestalten

Es gibt ein Phänomen, das mir in Gesprächen mit selbstständigen Frauen, Unternehmerinnen und Führungskräften immer wieder begegnet, unabhängig davon, in welcher Branche sie arbeiten, wie erfolgreich sie nach außen wirken oder wie lange sie bereits im Business sind. Viele von ihnen tragen sehr viel Verantwortung, oft sogar mehr, als ihre Rolle eigentlich verlangen würde, und gleichzeitig haben sie erstaunlich wenig Gestaltungsspielraum. Sie sind zuständig, sie halten Dinge zusammen, sie fangen auf, sie lösen Probleme, sie springen ein, sie übernehmen – und trotzdem fühlen sie sich innerlich fremdbestimmt, getrieben oder permanent in der Reaktion.

Das Spannende daran ist, dass dieses Gefühl selten mit fehlender Kompetenz zu tun hat. Im Gegenteil. Die meisten Frauen, die mir davon erzählen, sind fachlich hochqualifiziert, erfahren, reflektiert und engagiert. Sie wissen, was sie tun. Sie sind zuverlässig. Sie denken mit. Und genau das ist Teil des Problems. Denn Verantwortung zu tragen ist nicht dasselbe wie Verantwortung zu gestalten. Verantwortung zu tragen bedeutet oft, Lasten zu übernehmen, Lücken zu schließen, Erwartungen zu erfüllen und dafür zu sorgen, dass Dinge funktionieren. Verantwortung zu gestalten hingegen bedeutet, Rahmen zu setzen, Entscheidungen zu treffen, Prioritäten zu definieren und Einfluss darauf zu nehmen, wie Arbeit, Zusammenarbeit und Strukturen aussehen. Viele Frauen befinden sich dauerhaft im ersten Modus und kommen kaum in den zweiten.

Das ist kein individuelles Versagen und auch kein Mangel an Durchsetzungsfähigkeit. Es ist das Ergebnis von Mustern, Erwartungen und Strukturen, die sich über Jahre verfestigt haben und im Business oft unbewusst fortgesetzt werden. Gerade Frauen, die gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen, werden schnell zu den Personen, auf die alles zurückfällt. Sie werden gefragt, wenn etwas unklar ist. Sie springen ein, wenn jemand ausfällt. Sie kümmern sich, wenn es hakt. Und sie tun das nicht, weil sie ausgenutzt werden wollen, sondern weil sie es können. Das Problem beginnt dort, wo diese Form von Verantwortung zur Selbstverständlichkeit wird. Wo nicht mehr gefragt wird, ob jemand diese Verantwortung tragen will, sondern davon ausgegangen wird, dass sie es tut. Wo Zuständigkeiten verschwimmen und Aufgaben „einfach mitlaufen“. Wo Verantwortung nicht mehr mit Entscheidungsmacht einhergeht, sondern mit zusätzlicher Belastung. Und genau hier entsteht eine Schieflage, die viele Frauen zwar spüren, aber schwer benennen können.

In vielen Business-Kontexten wird Verantwortung immer noch sehr ungleich verteilt. Frauen übernehmen häufig die unsichtbare Arbeit. Sie organisieren, moderieren, vermitteln, erinnern, strukturieren, emotionalisieren, halten Prozesse am Laufen und sorgen dafür, dass Teams funktionieren. Diese Arbeit ist essenziell, aber sie wird selten als das anerkannt, was sie ist: Führungs- und Gestaltungsarbeit. Stattdessen wird sie als „mitdenken“, „unterstützen“ oder „halt gut organisiert sein“ verbucht. Gleichzeitig wird Gestaltung oft mit formaler Macht verwechselt. Mit Positionen, Titeln oder klar definierten Rollen. Doch Gestaltung beginnt nicht erst dort, wo jemand offiziell entscheidet, sondern dort, wo jemand den Rahmen mitbestimmt. Und genau dieser Raum wird vielen Frauen im Alltag nicht selbstverständlich zugestanden, selbst dann nicht, wenn sie faktisch längst Verantwortung tragen.

Ich habe in den letzten Jahren viele Frauen erlebt, die operativ enorm viel leisten und trotzdem kaum Einfluss auf grundlegende Entscheidungen haben. Sie tragen die Verantwortung für das Ergebnis, aber nicht für die Richtung. Sie sind zuständig für die Umsetzung, aber nicht für die Priorisierung. Sie sollen Lösungen finden, ohne die Parameter festlegen zu dürfen. Das erzeugt Frust, Erschöpfung und das Gefühl, immer hinterherzulaufen, obwohl man eigentlich längst vorn mitdenkt. Besonders sichtbar wird dieses Muster in Phasen von Wachstum oder Veränderung. Wenn ein Business größer wird, neue Projekte hinzukommen oder Rollen sich verschieben, bleibt die Verantwortung oft bei denen hängen, die schon vorher „alles im Blick hatten“. Statt Verantwortung neu zu verteilen und bewusst zu gestalten, wird sie addiert. Noch eine Aufgabe. Noch ein Projekt. Noch ein Thema. Und weil viele Frauen gelernt haben, dass Verlässlichkeit und Engagement geschätzt werden, sagen sie Ja, auch wenn das System dahinter längst nicht mehr trägt.

Dabei ist Verantwortung ohne Gestaltungsspielraum auf Dauer nicht tragfähig. Sie führt dazu, dass Menschen funktionieren, statt zu führen. Dass sie reagieren, statt zu entscheiden. Dass sie sich anpassen, statt zu gestalten. Und genau das steht nachhaltigem Erfolg im Weg, sowohl persönlich als auch unternehmerisch. Ein weiterer Aspekt, der in diesem Zusammenhang oft übersehen wird, ist die emotionale Verantwortung. Viele Frauen tragen nicht nur fachliche oder organisatorische Verantwortung, sondern auch emotionale. Sie spüren Stimmungen, fangen Spannungen auf, vermitteln zwischen Interessen und sorgen dafür, dass das Klima stimmt. Diese Form von Verantwortung ist schwer messbar, aber extrem wirksam. Und sie kostet Energie. Im Business wird emotionale Arbeit selten benannt, geschweige denn strukturell berücksichtigt. Sie läuft „nebenbei“ mit, wird erwartet, aber nicht geplant. Wer gut darin ist, übernimmt automatisch mehr davon. Das führt dazu, dass gerade empathische, reflektierte Frauen überproportional belastet sind, ohne dass dies in Rollenbeschreibungen, Zeitbudgets oder Entscheidungsstrukturen abgebildet wäre.

Was viele Frauen in dieser Situation erleben, ist ein Gefühl von innerer Zerrissenheit. Einerseits wissen sie, dass sie kompetent sind und einen großen Beitrag leisten. Andererseits fühlen sie sich fremdgesteuert, ausgelaugt oder in einem permanenten Reaktionsmodus. Sie fragen sich, warum sich Erfolg nicht erfüllend anfühlt, obwohl objektiv vieles stimmt. Und nicht selten suchen sie die Ursache bei sich selbst, statt die Struktur zu hinterfragen, in der sie arbeiten. Dabei liegt genau hier der Schlüssel. Verantwortung ist kein rein persönliches Thema. Sie ist immer auch strukturell. Sie hängt davon ab, wie Rollen definiert sind, wie Entscheidungen getroffen werden, wie viel Klarheit es über Zuständigkeiten gibt und wie offen Gestaltungsspielräume verteilt werden. Wenn Frauen dauerhaft mehr Verantwortung tragen, als sie gestalten können, ist das kein individuelles Problem, sondern ein systemisches.

Ich erlebe immer wieder, dass sich etwas grundlegend verändert, sobald Verantwortung bewusst neu gedacht wird. Nicht im Sinne von „weniger Verantwortung“, sondern im Sinne von „anders“. Wenn Frauen beginnen, Verantwortung nicht mehr automatisch zu übernehmen, sondern zu prüfen, ob sie auch die Möglichkeit haben, diese Verantwortung zu gestalten. Wenn sie anfangen, Fragen zu stellen, statt sofort Lösungen zu liefern. Wenn sie klar benennen, wo Entscheidungskompetenzen fehlen oder Rollen unklar sind. Dieser Schritt ist nicht immer leicht, weil er mit inneren und äußeren Reibungen verbunden ist. Verantwortung zu gestalten bedeutet auch, Erwartungen zu enttäuschen, Grenzen zu setzen und Konflikte auszuhalten. Viele Frauen wurden nicht dafür sozialisiert, genau das zu tun. Ihnen wurde eher vermittelt, dass Anpassung, Zuverlässigkeit und Harmonie wichtige Werte sind. Diese Prägung wirkt im Business weiter, selbst dann, wenn sie dem eigenen Wachstum im Weg steht.

Gestaltung braucht Mut

Gestaltung braucht Mut, aber vor allem braucht sie Raum. Raum zum Denken, zum Entscheiden, zum Priorisieren. Raum, um Nein zu sagen und Ja zu dem, was wirklich wichtig ist. Dieser Raum entsteht nicht von selbst. Er muss eingefordert, ausgehandelt und manchmal auch verteidigt werden. Und genau hier kommen Netzwerke wie FEMconnect ins Spiel. Netzwerke können ein wichtiger Ort sein, um diese Themen sichtbar zu machen. Nicht im Sinne von Jammern oder gegenseitigem Bestätigen, sondern im Sinne von ehrlichem Austausch über Verantwortung, Rollen und Strukturen. Wenn Frauen offen darüber sprechen, wo sie Verantwortung tragen, ohne gestalten zu können, entsteht ein Bewusstsein dafür, dass dieses Erleben kein Einzelfall ist. Und dieses Bewusstsein ist oft der erste Schritt zur Veränderung. Ich glaube nicht, dass jede Frau automatisch mehr Verantwortung will. Aber ich glaube, dass jede Frau, die Verantwortung trägt, das Recht haben sollte, diese auch zu gestalten. Alles andere führt langfristig zu Überlastung, Frust und dem Gefühl, unter den eigenen Möglichkeiten zu bleiben. Verantwortung ohne Gestaltung ist kein Zeichen von Stärke, sondern ein Warnsignal.

Im Business-Kontext bedeutet das, Verantwortung neu zu definieren. Nicht als zusätzliche Aufgabe, sondern als Zusammenspiel von Zuständigkeit und Entscheidungskompetenz. Es bedeutet, genauer hinzuschauen, wer eigentlich welche Verantwortung trägt und wer wirklich gestalten darf. Und es bedeutet, den Mut zu haben, diese Fragen offen zu stellen, auch wenn sie unbequem sind.

Viele Frauen sind an einem Punkt, an dem sie nicht mehr bereit sind, einfach nur zu tragen. Sie wollen gestalten. Sie wollen entscheiden. Sie wollen ihre Kompetenz nicht nur einsetzen, sondern auch in Strukturen übersetzen, die tragen. Das ist kein Machtanspruch, sondern ein Ausdruck von Reife. Vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Business-Shifts unserer Zeit: weg vom stillen Tragen hin zum bewussten Gestalten. Weg von Verantwortung als Last hin zu Verantwortung als Möglichkeit. Und weg von der Idee, dass man alles schaffen muss, hin zu der Frage, was wirklich sinnvoll ist.

Wenn Frauen beginnen, Verantwortung nicht mehr automatisch zu übernehmen, sondern bewusst zu gestalten, verändert sich nicht nur ihr eigenes Arbeiten, sondern auch das System, in dem sie wirken. Arbeit wird klarer. Zusammenarbeit wird ehrlicher. Und Erfolg wird nachhaltiger. Nicht lauter, nicht schneller, sondern stimmiger.

Veröffentlicht von Susanne Bachl | FEMconnect